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Eine Woche voller Angst…

Ich gehe nun seit 2 1/2 Wochen in die Tagesklinik und ich möchte gerne voranstellen, dass dies eine gute und richtige Entscheidung gewesen ist. Nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten, die wahrscheinlich jeder dort hat, fühle ich mich dort sehr wohl und angekommen.

Wir alle gehen wegen irgendwelchen Zipperlein sofort zum Arzt, aber wenn es unserer Psyche nicht gut geht, zögern wir. In vielen von uns schlummern immer noch Vorurteile, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Das ist so ein großer Quatsch. Eine Depression, wie bei mir zum Beispiel, ist wirklich sehr gut behandelbar. Natürlich kann eine Depression auch wieder zurückkommen, so wie bei mir, aber eine Grippe oder einen grippalen Infekt können wir auch immer wieder und zu jeder Zeit bekommen. Es kommt darauf an, sich Hilfe zu holen.

Daher mein Appell an alle: Holt Euch bitte Hilfe, wenn es Euch psychisch nicht gut geht!!!!! Ihr müsst Euch nicht schämen oder dergleichen. Eine psychische Erkrankung ist eine ganz normale Erkrankung und hat nichts mit Schwäche zu tun.

Nun bin ich hier seit 2 1/2 Wochen und grundsätzlich geht es mir hier gut. Allerdings war eine Woche davon von großer Angst bestimmt und diese Angst hatte nichts mit der Depression zu tun. Eine Angst, die tatsächlich meine Sichtweise auf das Leben verändert hat.

Ja, ich weiß, das klingt jetzt etwas theatralisch, aber ich muss schon sagen, dass diese Angst meinen Blick auf bestimmte Dinge im Leben geändert hat.

Doch was ist passiert?

Am Dienstag vor einer Woche wurde standardmäßig ein MRT von meinem Gehirn gemacht. Dort hat man dann in der Nähe des Thalamus einen kleinen weißen Fleck entdeckt. Bei der darauffolgenden Differentialdiagnose prasselten dann diverse Diagnosen auf mich ein und als es dann hieß, es könnte auch ein Gehirntumor sein, war es für mich vorbei. Ich bin in Tränen ausgebrochen und konnte mich den Tag über auch nicht mehr beruhigen.

Klar, es war nur eine Möglichkeit von vielen, aber mein Verstand stürzte sich nun auf das Worstcase-Szenario: Tumor = Tod.

Die Ärzte versuchten mich zu beruhigen. Sie sagten, sämtliche neurologische Tests waren unauffällig und auch sonst war ich körperlich komplett gesund. Darüber hinaus hatte ich bislang auch keinerlei Ausfallerscheinungen oder Ähnliches. Alles sprach eigentlich dafür, dass es kein Tumor ist. Aber mein Verstand konnte dem nicht folgen. Ich konnte nicht mehr rational denken. Hinzu kommt dann die Depression, in welcher man eh schon alles sehr negativ betrachtet. Und nun das…

Für mich war das Leben vorbei. Es fühlte sich so an, als wenn jemand den Pausenknopf gedrückt hat. Ich konnte keine klaren Gedanken mehr fassen. Die Depression, weswegen ich in die Klinik gegangen bin, war für mich auf einmal total unwichtig. Meine Gedanken kreisten nur noch um das Thema „Tumor“ und „Tod“.

An diesem Tag habe ich nur noch geheult…

Auf einmal wird einem die eigene Endlichkeit knallhart vor Augen geführt. auch wenn der Tod nicht unmittelbar bevorsteht.

Das Team der Tagesklinik hat mich aber wirklich sehr gut aufgefangen und auch die Gespräche mit Freunden und Eltern, denen ich mich anvertraut habe, taten gut.

Mein Psychologe meinte, ich solle das als Chance sehen. Wir alle sterben irgendwann. Lebend kommen wir hier alle nicht raus. Ich bin jetzt 43 und die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch einmal 43 Jahr lebe, sei zunächst einmal größer als dass ich in den kommenden Jahren an einem Gehirntumor sterben werde. Ich sollte mir aber tatsächlich mal vorstellen, was wäre, wenn ich nur noch 5 oder 10 Jahre zu leben hätte. Was wäre mir dann wichtig? Das klang für mich erst einmal sehr plakativ. Aber eigentlich hatte er Recht.

Der Gedanke an den Tod machte mir Angst. Die Depression verstärkte diese Angst dann noch weiter. Aber ich musste mich nun dieser Angst stellen. Ich konnte nicht davonlaufen. Also was würde ich machen, wenn ich nur noch 5 oder 10 Jahre zu leben hätte? Was wäre mir wichtig?

Nun, die Beschäftigung mit diesen Fragen ist nicht schön, aber sie haben ihre Wirkung. Was ist wirklich wichtig im Leben bzw. was ist für MICH wichtig im Leben? 

Diese Fragen möchte ich hier in diesem Blog-Beitrag nicht beantworten. Das würde den Rahmen sprengen und ich kann die Frage auch noch gar nicht endgültig für mich beantworten. 

Sie hat allerdings einen Prozess in Gang gebracht und natürlich hat sich in dieser kurzen Zeit jetzt der Blickwinkel auf bestimmte Themen im Leben gewandelt. Ich bin gespannt, wohin mich diese Fragestellungen führen werden.

So habe ich nun eine Woche mit dem Gedanken leben müssen, einen möglichen Gehirntumor zu haben.

Sämtliche Beruhigungen seitens der Ärzte und Psychologen konnten zunächst nicht helfen. Ich konnte einfach nicht mehr rational denken.

Nun musste ich an diesem Mittwoch noch einmal ins MRT, diesmal mit einem Kontrastmittel. Ich war an diesem Tag so angespannt. Ich konnte nichts essen, ich hatte einfach nur Angst. Ich konnte an dem Tag kein Therapieangebot wahrnehmen. Ich saß in der Tagesklinik im Aufenthaltsraum und habe nur so vor mich hingestarrt.

Nach dem Mittagessen kam der Arzt und bat mich in sein Zimmer. Die Anspannung wurde immer größer. Doch dann kam der erlösende Satz: Wir haben gute Nachrichten für sie. Einen Tumor und Ähnliches können wir ausschließen.

Mir kamen die Tränen vor Freude und auch beim Schreiben dieser Zeilen kommen mir noch einmal die Tränen. Das war so ein unbeschreibliches Gefühl.

Doch was war es nun?

Ich muss wohl irgendwann einmal einen Mini-Mini-Schlaganfall gehabt haben, welcher eine Mikronarbe im Gehirngewebe hinterlassen hat, um das mal laienhaft auszudrücken. Dem werden wir auch noch auf dem Grund gehen. Ansonsten bin ich aber kerngesund und muss mir keine Sorgen mehr machen.

Ja, die Wahrscheinlichkeit war vielleicht wirklich nicht groß und in der Nachbetrachtung hatten die Ärzte, die versucht haben, mich zu beruhigen auch Recht. Aber die eigene Vernunft und meine irrationalen Gedanken haben mir da einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es ging einfach nicht.

Jetzt werde ich auch noch einmal plakativ und theatralisch, aber diese eine Woche in Angst und die intensive Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit haben mein Leben nachhaltig verändert. Ich sehe viele Dinge nun mit anderen Augen und auch wenn ich noch keine endgültigen Antworten für mich gefunden habe, so bin ich heute noch dankbarer, dass ich lebe.

Es war keine schöne Erfahrung. Es war eine harte Erfahrung, aber ich bin auch dankbar für diese Erfahrung. Danke liebes Universum, danke für dieses Leben.

Ich bin aber nun froh, dass ich jetzt wieder meine Themen angehen kann, weswegen ich eigentlich in die Tagesklinik gegangen bin und hier kann ich optimistisch in die Zukunft sehen.

Eurer Thorsten

Tortour de ruhr 2020 – Absage

Ich hab´s getan. Ich habe abgesagt.

Wie fühle ich mich dabei, diese Worte zu schreiben? 

Ich fühle mich gut. Sogar sehr gut.

Ich weiß noch, dass ich vor kurzem gesagt habe, ich warte die OP ab und schaue, wie der Heilungsprozess verläuft. Und nach einer Woche kann ich sagen, dass er bislang sehr gut verläuft.  Das Knie ist kaum noch geschwollen und ich kann wieder relativ normal gehen und auftreten. Der Arzt und die Physio sind sehr zufrieden. Und der Arzt meinte sogar selbst, dass es möglich wäre, dass ich bei der TTdR dabei sein könnte. Alles sieht also sehr gut aus.

Also warum habe ich mich entschieden, abzusagen anstatt noch etwas zu warten?

Nun, eigentlich ist die Antwort gar nicht so kompliziert. Ich will meinem Knie einfach Zeit geben. Ich möchte dem Knie einfach die Chance geben, vernünftig zu heilen.

Ich habe in den letzten Wochen gemerkt, wie sehr ich mich damit unter Druck gesetzt habe, nach der OP möglichst wieder schnell ins Training einsteigen, um an der TTdR teilzunehmen. Dies hat mich sehr gestresst. Insbesondere hatte ich für diese TTdR ein sehr ambitioniertes Ziel. Ich wollte die TTdR in unter 30 Stunden laufen.

Die Knie-OP und die nun dazugehörige Laufpause reißen mich ordentlich aus meinem Trainingsplan. Selbst wenn ich in 2-3 Wochen wieder ins Training einsteigen kann, so ist doch ungewiss, wann ich die langen Läufe wieder angehen kann. Und die langen Läufe werden jetzt so langsam sehr wichtig.

Daher musste ich mir immer wieder die gleichen Fragen stellen.

Muss ich jetzt wirklich mit Gewalt an meinem Vorhaben festhalten? Muss ich mit aller Gewalt gegen meinen Körper arbeiten? Und selbst wenn ich jetzt sagen würde, ich wolle nur ankommen, muss ich mich dermaßen dafür unter Druck setzen?

Die Antwort ist ganz klar: Nein!

Zumindest für mich ist diese Antwort klar und eindeutig.

Die Gesundheit ist mir wichtiger. Ich möchte noch sehr lange und sehr weit laufen. Daher möchte ich dem Knie nun die Möglichkeit geben, in einem vernünftigen Maße zu heilen und sich zu erholen.

Nichts ist es Wert, dass ich dies gefährde. Insbesondere durch zu frühe, zu starke Trainingsbelastung. Ich verdiene mit dem Laufsport kein Geld. Es ist Spaß. Spaß am Laufen. Spaß am langen Laufen. Der Spaß soll auch weiter Spaß bleiben und nicht unter Druck kaputt gehen.

Muss man immer zeigen, dass man in möglichst kurzer Zeit wieder ultralange Läufe laufen kann? Ist es das Wert, sich zu schinden, obwohl man weiß, dass es gerade nicht gut ist? Ist es gut, nicht auf den Körper zu hören?

Ich denke nicht.

Ich bin einfach nur dankbar, dass ich so weit und so lange laufen kann. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich bin dankbar, diesen wundervollen Sport ausüben zu dürfen. Und da gehört es auch dazu, auf sich und seinen Körper zu hören.

Wir alle, die diesen Sport ausüben können, sollten dankbar sein, dass wir das tun können, was wir lieben.

Was höre ich, wenn ich in mich hineinhorche?

Mein Körper und mein Geist sagen mir gerade: Nimm diese Auszeit. Lass Dir Zeit. Es wird noch so viele schöne Läufe geben und es gibt einfach noch so viel zu entdecken. Mach Dir keinen Druck. Die Pause tut gerade sehr gut und es ist schön, Zeit für andere schöne Dinge zu finden.

Ja, das Leben hat noch so viel mehr zu bieten als nur „Laufen“. Ich freue mich daher, diese Zeit dafür zu nutzen, Interessen, denen ich lange nicht nachgekommen bin, wieder einen Raum zu geben.

Es tut mir gerade gut, dass ich mir diesen Druck genommen habe. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das einmal sage, aber es ist so. Ich freue mich auf diese Laufpause.

Aber mehr freue ich mich, wenn ich mit neuer Kraft und neuen Plänen zurückkomme. Und Pläne habe ich. Ich überlege gerade, im Oktober an einem 48-Stundenlauf in der Schweiz teilzunehmen. Aber mein Herzensprojekt werde ich im nächsten Jahr wieder angehen. Ich werde wieder für die Stiftung Deutsche Depressionshilfe nach Leipzig laufen.

Alles Pläne, die schon jetzt motivieren.

Ich liebe das Laufen, aber nicht um jeden Preis. Das Leben bietet so viel Schönes. Danke, dass ich an diesem Leben teilhaben darf.

Eurer Thorsten